Wenn Nicole Leiggener als Laura Fruttiger über die Bühne des La Poste in Visp läuft, sieht man in jedem Schritt die Verachtung, die sie gegenüber einiger ihrer Nächsten hegt. Nein, Laura Fruttiger ist kein klassischer Sympathieträger. Und doch – als Zuschauer fühlt man sich ihr trotzdem irgendwie nah, verbunden; ja, man versteht Laura Fruttiger. Denn Hand aufs Herz – Familien können auch ganz schön anstrengend sein.
Von Johannes Millius*
Auf der Bühne stehen drei Tische im Restaurant „Bocca al Lupo“. Ein Familientreffen findet statt. Am Tisch in der Mitte die Gegenwart, am Tisch links die Vergangenheit und am Tisch rechts die Zukunft. Die Rolle der Laura Fruttiger wird von Nicole Leiggener gespielt. Keine Unbekannte auf der Bühne des Visper Theaters. Schon seit mehreren Jahren wirkt sie in verschiedenen Funktionen im Verein mit.
„Aus den Bruchstücken der einzelnen Zeilen ergibt sich eine äusserst komische, aber dramatische und spannende Familiengeschichte“, so Nicole Leiggener. „Der Zuschauer fügt die Abgründe dieser Familie langsam selber zusammen und wird so immer wieder aufs Neue überrascht“.

Begleitet wird das Spiel des Ensembles von der Musikgruppe „Kiri4“ aus dem tiefsten Süden Italiens.

Laura Fruttiger sei „än richtigi Zwätschga“ die in ihrer Ehe und Familie gefangen sei – früh musste sie heiraten und ihr Glück hat sie nie wirklich gefunden, beschreibt Nicole Leiggener ihre Rolle.
In meisterhaft konstruierten Vor- und Rückblenden zeigt das Stück unter der Regie von Bruno A. Zenhäusern und Natalie Rovina eine unschöne Wirklichkeit der Familie. Denn untereinander ist diesen Paaren jedes Gefühl für Takt und Verständnis abgekommen.
Als gut gemeinten Rat würde Nicole Leiggener Laura Fruttiger empfehlen, sich scheiden zu lassen und nach Italien oder Frankreich auszuwandern. Weil eigentlich sei sie ja „ganz en gäbigi“.
Man schaut Laura Fruttiger gerne zu wie sie sich im Konstrukt ihrer Familie bewegt. Mal manipulativ, mal abschätzig, durchaus witzig und trotzdem immer etwas liebenswürdig und bisweilen mitleiderregend wird die Rolle mit fabelhafter Authentizität von Nicole Leiggener gespielt.
Und fügt sich so in ein wahnsinnig stimmiges Ensemble ein. Bocca al Lupo – ein sehens- und hörenswertes Stück, dass das Visper Theater unter der Regie von Bruno A. Zenhäusern und Natalie Rovina am 15. September zur Premiere bringt.

*Johannes Millius ist Vereinsmitglied im VisperTheater und Regisseur beim Jungen Visper Theater und durfte bereits in die Proben von „Bocca al Lupo“ schauen. Seine Familie mag er eigentlich ganz gut leiden